Sehen wie die Impressionisten

San Giorgio in Venedig in der Abenddämmerung

Claude Monet San Giorgio Maggiore in der Dämmerung1908.

Sehen wie die Impressionisten

Die Impressionisten sind die Wahrnehmungspsychologen unter den Künstlern.Sie malen einen Gegenstand so, wie das menschliche Auge ihn wirklich sieht, und nicht so, wie er „objektiv“ aussieht. Kein Künstler hat dies dem Betrachter so nahe gebracht wie Claude Monet (1840-1926), denn er malte mehrere Sujets mehrmals bei jeweils unterschiedlichem Tages- und Abendlicht. So erst ließ sich verstehen, dass die Kathedrale von Rouen (Abb. 2), der Dogenpalast in Venedig oder der Getreideschober auf dem Feld am Abend ganz anders aussehen als am Mittag. Abends bricht sich das Sonnenlicht in der Atmosphäre. Dadurch sind seine Rotanteile stärker sichtbar, während die weniger gebeugten Blauanteile bereits „untergangen“ sind. So wird die Welt in den Abendstunden in ein warmes Rot getaucht. Einen Vergleich zwischen Mittags- und Abendansicht haben wir aus unserer eigenen Erinnerung kaum, denn für Lichtstimmungen besitzen wir kein allzu gutes Gedächtnis. Und so meint der ungeschulte Betrachter, die Welt sehe im Verlauf des Tages im Wesentlichen gleich aus. Tatsächlich ist in unserer Wahrnehmung immer ein „automatischer Weißabgleich“ am Werk; die Farbe von Kunstlicht bemerken wir oft erst – unangenehm überrascht – auf dem Foto (Abb. 3). Insofern legt die Arbeit Monets den Kern des Impressionismus frei. Der Künstler ermöglicht dem Betrachter, die anscheinend subjektive Sichtweise des Impressionisten als objektive Wahrnehmungserscheinung zu verstehen. Monet malt nicht nur als Impressionist, er erklärt auch gleichzeitig in seinen Bildern den Impressionismus.