Imitieren und Übertreffen

Andy Goldworthy  Road, Ohio  2016. © Andy Goldsworthy.
Image courtesy of the Cleveland Museum of Art

Das Spannungsfeld von Kunst und Natur in der Gestaltung und Wahrnehmung künstlerischer Arbeiten

MARTIN SCHUSTER

Höhlenzeichnungen, die ältesten Kunstwerke der Menschheit, zeigen die damalige Tierwelt so naturalistisch, dass sich heute sogar einige ausgestorbene Arten wiedererkennen lassen.. Sie geben uns manches Rätsel auf, beispielsweise wie es zu der hochgradig naturalistischen Malkunst kommen konnte (Abb. 1). Auch stellt sich die Frage, warum vor allem Tiere so zahlreich an die Höhlenwand gemalt wurden. Um ihre Gegenwart künstlich herzustellen? Möglicherweise sollten vorbeiziehende Viehherden, wenn sie längere Zeit ausgeblieben waren, an der Höhlenwand beschworen werden, wieder aufzutauchen. Ähnlich verhält es sich auch mit vielen späteren Kunstwerken: Stillleben zeigen eine frische und leckere Nahrung, die im Winter nicht zur Verfügung stand und in ihrer dargestellten Üppigkeit höchstens bei Festen aufgetischt wurde. Speziell in Zeiten der Entbehrung war es eine Freude, auf die frischen, wenn auch gemalten Lebensmittel zu schauen. Mit hübschen Mädchen und wenig bekleideten Frauen verhält es sich ähnlich. Sie stehen dem Blick im Normalfall nicht zur Verfügung. Das Kunstwerk gibt ihnen eine Präsenz, die zu erleben erfreulich ist. Nach der Erfindung der Fotografie entwickelte sich schnell eine Massenproduktion von Aktbildern, die dem staunenden Betrachter die Vielfalt weiblicher Körperformen vor Augen führte.
Die Darstellung von Bäumen, Wiesen und Wäldern folgt einem ähnlichen Ziel: Der Städter blickt an der Zimmerwand auf die gemalte oder fotografierte schöne Natur. Das Bild bricht die Betonwüste Stadt wie durch ein Fenster zur Landschaft hin auf und erfreut den Betrachter, welcher in der Tiefe seiner evolutionären Anlagen letztlich für ein Leben in der Natur geschaffen wurde.
Die Schönheit von Landschaften konnte allerdings erst entdeckt werden, als das Reisen sicherer und bequemer geworden war. Davor sah man beispielsweise in den Alpen nur eine gefährliche und hässliche Steinwüste. Im finsteren Wald außerhalb der Städte hausten Verrückte und Verbrecher, weshalb man sich dort meist nur in bewaffneter Begleitung bewegte.
Teile der Natur werden nicht nur gemalt, sondern auch in Architekturelemente übernommen. Die Kapitelle vieler griechischer Säulen lassen Akanthusblätter nach oben streben. Die Steinsäulen der von Antoní Gaudi entworfenen Jugendstil-Kirche Sagrada Familia in Barcelona sind in ihrer Form sogar gänzlich als Bäume gestaltet (Abb. 2). Und der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser baute der Natur nachempfundene sog. organische Bauten, die ihre der Statik geschuldete Rechtwinkligkeit unter Naturformen verstecken. Dem Bewohner vermittelt sich dadurch das Gefühl, in einer Höhle zu wohnen.

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