Leseproben

Die hohe Kunst der Komposition (Ausgabe 4/18)

Zum malerischen Werk von Paul Kaminski

Lena Naumann

Im West-östlichen Diwan, einer Gedichtsammlung Goethes aus dem Jahr 1819, die stark von den Werken des persischen Dichters Hafis inspiriert ist, finden sich einige bemerkenswerte Zeilen: „Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Sinnig zwischen beiden Welten, sich zu wiegen, lass ich gelten: Also zwischen Ost und Westen sich bewegen sey´s zum Besten.“ Goethe spielt hier die östliche und die westliche Kultur nicht gegeneinander aus, stellt die eine nicht über die andere. Wer das Beste aus zwei Welten zu vereinen weiß, erreicht mehr als derjenige, der sich nur für eine auf Kosten der anderen entscheidet. Ein Blick in die Kunstgeschichte seit 1900 bestätigt die Beobachtungen des Dichters: Nicht wenige Künstler, die aus dem Osten – insbesondere aus Russland – in den Westen kamen, haben der westlichen Kunst höchst innovative Impulse gegeben. Hier wären nicht nur Wassily Kandinsky mit seiner Abstraktion oder die expressionistischen Maler Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin zu nennen. Ein zeitgenössischer Künstler, der die Traditionen von östlicher und westlicher Kunst, aber auch die beiden Pole von gegenständlicher und abstrakter Malerei in seinem Werk zu vereinen weiß, ist der bei Wolfsburg lebende Maler Paul Kaminski.

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Leseprobe_Bild_Stephan_Guber

Auf der Höhe der Zeit (Ausgabe 3/18)

Zum bildhauerischen Werk von Stephan Guber

Lena Naumann

In welcher Beziehung steht die Kunst zu der Epoche, in der sie entsteht?Unter dem Begriff Contemporary Art werden im Allgemeinen Kunstwerke von noch lebenden Künstlern verstanden. Diese Definition greift allerdings ein wenig kurz, denn Gegenwartskunst ist nicht per se zeitgenössisch, nur weil sie im Hier und Jetzt hergestellt wird. Dazu braucht es einen weiteren Aspekt: Sie sollte darüber hinaus ein Zeitzeugnis ablegen, eine Zeugin ihrer Zeit sein und die Bewusstseinshöhe der Gegenwart sichtbar und spürbar werden lassen.
Zeitgenössische Kunst entsteht vor allem durch eine besondere und sensible Beziehung des Künstlers zur schöpferischen Funktion des kollektiven Unbewussten, um mit einem Begriff C. G. Jungs zu reden, das seine Gestaltungen über das Medium des Kunst- und Kulturschaffenden ähnlich hervorbringt wie es der Formtrieb der Natur tut, wenn er fortwährend Menschen, Tiere und Pflanzen entstehen lässt. Die Archetypen des kollektiven Unbewussten sind dabei als zunächst gestaltlose psychische Strukturen zu verstehen, die in der menschlichen Kunst und im allgemeinen Kulturschaffen zu äußerer Sichtbarkeit gelangen. Dabei werden die Archetypen durch jeden einzelnen Künstler, durch den sie hindurchgehen, individuell variiert.

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Zeitgenössische Kunst im Einflussfeld der Politik (Ausgabe 3/18)

… oder die Frage nach der ideologischen Unabhängigkeit künstlerischen Arbeitens

Martin Schuster

Die Wechselwirkungen zwischen Macht und Politikauf der einen Seite und der Kunst ihrer Zeit auf der anderen sind ein weites Feld. Für eine noch gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit lässt sich klar erkennen: Politische Kräfte haben die Kunst eindeutig beeinflusst. Der sozialistische Realismus als sog. Staatskunst ist auf ebenso peinliche Weise offensichtliche Propa-
ganda gewesen wie die sog. Nazi-Kunst. Beide verbleiben bis heute weitgehend in den Depots, weil selbst ein Kunstwissenschaftler wie Bazon Brock noch immer eine Verführung des zeitgenössischen Publikums befürchtet.
Ganze Kunstrichtungen können für die Wertewelt einer Gesellschaft stehen. Die abstrakte und oftmals wenig meisterliche westliche Kunst der Nachkriegsjahre hebt sich von der mehr gegenständlichen Nazi-Kunst sowie vom sowjetischen Realismus deutlich ab. Das macht es schwer, abstrakte Kunst zu kritisieren, weil sie im „richtigen“, die realistische hingegen im „falschen“ System entstand. Nach dem Ende des Sozialismus wurden Werke und Ausstellungen der westlichen Kunst in die Metropolen des alten sowjetischen Reichs exportiert, beispielsweise nach Moskau oder Budapest. Diese Kunst steht für Freiheit und Demokratie. Das Volk als Auftraggeber dieser künstlerischen Importe bekam nun ebenfalls eine Pop-Art, welche Ikonen aus Musik und Film sowie Konsumartikel feiert.

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Präsenz zeigen (Ausgabe 2/18)

Zur fotografischen Arbeit von Hannes Kutzler

Lena Naumann

Vor zweieinhalbtausend Jahren schrieb ein chinesischer Philosoph, der in seiner Heimat bis heute eine ähnliche Berühmtheit wie Konfuzius besitzt, ein bemerkenswertes Buch über die Schöpfung und über die Frage, wie menschliches Leben gelingt. Sein Name ist Laotse und sein Werk das Tao te King. In seinem zehnten Spruch stellt er die Frage: „Kannst Du Deinen Geist von seinem Herumwandern abbringen und am ursprünglichen Einssein festhalten? Kannst Du von Deinem eigenen Geist Abstand nehmen und so alle Dinge begreifen?“ Und fährt fort: „Handeln ohne Erwartungen, das ist die höchste Tugend.“
Wer kreativ tätig ist, kennt das Phänomen: ein Werk gelingt nicht gut, wenn man es erzwingen will, wenn man krampfhaft nach einer Idee oder einer optimalen Realisierung sucht. Die besten kreativen Schöpfungen in Kunst, Musik und Literatur entstehen vielmehr aus einer Haltung des Loslassens, wenn der Künstler sich zurücknimmt und einem Werk den Raum für seine Entwicklung gibt, für das die Zeit reif geworden ist. Picasso fasste diese innere Haltung einmal mit dem Satz zusammen: „Ich suche nicht, ich finde.“ Sie ist auf alle Künste übertragbar und ebenso auf die Lebenskunst. Der Mensch ist ein denkendes, rechnendes und kalkulierendes Wesen.

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Bilder formen Wirklichkeit (Ausgabe 2/18)
Über die Wirkung von Kunstwerken auf den Betrachter

Lena Naumann

„Diejenigen, die Bilder zu erklären versuchen, irren meistens vollkommen“, hat Picasso einmal geäußert.. Wobei hier wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens war, da eine hoch neurotische Persönlichkeit wie Pablo Picasso vermutlich nicht sehr angetan von der Vorstellung gewesen ist, man könne ihm in die seelischen Karten und die verräterischen Abgründe seiner Psyche schauen. Denn für den geschulten Blick des Kunstpsychologen gibt es durchaus einen auffälligen Zusammenhang zwischen dem Leben eines Künstlers und manchen der von ihm geschaffenen Werke. Dieser Zusammenhang hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Hände eines Menschen und das, was sie schaffen, letztlich „Ausstülpungen seines Gehirns“ darstellen. Keine künstlerische Arbeit lässt sich isoliert von Seelenleben und Geisteszustand ihres Schöpfers betrachten. Der Künstler ist in seinem Werk und das Werk ist im Künstler. Ohne eine innere Bindung an den dargestellten Inhalt kann der Schaffende das Werk nicht realisieren. Das gilt auch und gerade für den künstlerischen Protest. Was ein Künstler im Außen bekämpft, hat er in seinem Inneren noch nicht überwunden. Hätte er es, würde ihn das Thema nicht mehr interessieren, und er würde sich mit anderen Sujets beschäftigen.

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