Leseproben

Präsenz zeigen (Ausgabe 2/18)

Zur fotografischen Arbeit von Hannes Kutzler

Lena Naumann

Vor zweieinhalbtausend Jahren schrieb ein chinesischer Philosoph, der in seiner Heimat bis heute eine ähnliche Berühmtheit wie Konfuzius besitzt, ein bemerkenswertes Buch über die Schöpfung und über die Frage, wie menschliches Leben gelingt. Sein Name ist Laotse und sein Werk das Tao te King. In seinem zehnten Spruch stellt er die Frage: „Kannst Du Deinen Geist von seinem Herumwandern abbringen und am ursprünglichen Einssein festhalten? Kannst Du von Deinem eigenen Geist Abstand nehmen und so alle Dinge begreifen?“ Und fährt fort: „Handeln ohne Erwartungen, das ist die höchste Tugend.“
Wer kreativ tätig ist, kennt das Phänomen: ein Werk gelingt nicht gut, wenn man es erzwingen will, wenn man krampfhaft nach einer Idee oder einer optimalen Realisierung sucht. Die besten kreativen Schöpfungen in Kunst, Musik und Literatur entstehen vielmehr aus einer Haltung des Loslassens, wenn der Künstler sich zurücknimmt und einem Werk den Raum für seine Entwicklung gibt, für das die Zeit reif geworden ist. Picasso fasste diese innere Haltung einmal mit dem Satz zusammen: „Ich suche nicht, ich finde.“ Sie ist auf alle Künste übertragbar und ebenso auf die Lebenskunst. Der Mensch ist ein denkendes, rechnendes und kalkulierendes Wesen.

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Das stille Leben der Technik (Ausgabe 1/18)

Zum malerischen Werk von Brigitte Körber

Lena Naumann

„Denn es ist zuletzt doch nur der Geist, der jede Technik lebendig macht“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe vor zweihundert Jahren in seinen Naturwissenschaftlichen Schriften. Technik und Lebendigkeit, ja geht denn das überein? Das Lebendige besitzt eine Seele, was gemeinhin dem Technischen abgesprochen wird. Biologisch gesehen mag das so sein, für den Bereich des Ästhetischen kann aber durchaus auch Anderes gelten. Im allgemeinen Sprachgebrauch pflegen wir Natur und Technik scharf voneinander zu unterscheiden. Das Wort Natur leitet sich vom lateinischen nasci ab, das geboren werden und wachsen bedeutet. Der Begriff Technik wiederum kommt vom altgriechischen Wort techne, mit dem das Handwerk, die Wissenschaft und ganz allgemein eine gewisse Kunstfertigkeit beschrieben werden. Die Natur ist das Gewachsene, die Technik das Gemachte. Ein Gegensatz nur auf den ersten
Blick. Bei tieferer Betrachtung zeigt sich, dass es im Grunde nichts gibt, was in der Wurzel nicht doch wieder Zum malerischen Werk von Brigitte Körber Natur wäre.

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Bilder formen Wirklichkeit (Ausgabe 2/18)
Über die Wirkung von Kunstwerken auf den Betrachter

Lena Naumann

„Diejenigen, die Bilder zu erklären versuchen, irren meistens vollkommen“, hat Picasso einmal geäußert.. Wobei hier wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens war, da eine hoch neurotische Persönlichkeit wie Pablo Picasso vermutlich nicht sehr angetan von der Vorstellung gewesen ist, man könne ihm in die seelischen Karten und die verräterischen Abgründe seiner Psyche schauen. Denn für den geschulten Blick des Kunstpsychologen gibt es durchaus einen auffälligen Zusammenhang zwischen dem Leben eines Künstlers und manchen der von ihm geschaffenen Werke. Dieser Zusammenhang hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Hände eines Menschen und das, was sie schaffen, letztlich „Ausstülpungen seines Gehirns“ darstellen. Keine künstlerische Arbeit lässt sich isoliert von Seelenleben und Geisteszustand ihres Schöpfers betrachten. Der Künstler ist in seinem Werk und das Werk ist im Künstler. Ohne eine innere Bindung an den dargestellten Inhalt kann der Schaffende das Werk nicht realisieren. Das gilt auch und gerade für den künstlerischen Protest. Was ein Künstler im Außen bekämpft, hat er in seinem Inneren noch nicht überwunden. Hätte er es, würde ihn das Thema nicht mehr interessieren, und er würde sich mit anderen Sujets beschäftigen.

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Viel Lärm um Nichts
Vier Gründe für den Niedergang der Kunstkritik

Keiner traut sich. Ist die Schmiererei auch noch so öde, das Bildchen blass und banal: zeitgenössische Kunst wird überall und grundsätzlich gelobt. Auch angesichts mehr als dürftiger Werke steigern sich Kuratoren und Laudatoren mit Hilfe von Fremdwortkaskaden in eine ekstatische Euphorie. Das war nicht immer so.
Um 1850 wird die bildende Kunst in den Medien massiv und abwertend kritisiert. Die Maßstäbe dieser Kritik schienen jedermann klar zu sein. Wettbewerbe fachten die Konkurrenz der Künstler an. Herder und später Winckelmann maßen die Höhe einer Kultur an der Güte ihrer künstlerischen Werke. Die Herrschenden hatten und haben bis heute ein Interesse an der Kunst, um aus ihrer überlegenden Kultur Machtansprüche abzuleiten.
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