Grimassen, die Geschichte machten

Franz Xaver Messerschmidt
Charakterköpfe 1770/1783.

Foto: Wikimedia Commons

Die Charakterköpfe des Franz Xaver Messerschmidt

Er war ein Sonderling und erhielt trotz seiner Begabung keine Professur, weil man an seinem Geisteszustand zweifelte: der Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). In seinen letzten Lebensjahren soll er sogar an einem Verfolgungswahn gelitten haben. Messerschmidt schuf zunächst Porträtbüsten im Stil seiner Zeit und konnte damit auch die Anerkennung seiner Auftraggeber gewinnen. Doch von 1770 bis 1783 schuf er eine Serie von Büsten ganz eigener Art, die später als die Messerschmidtschen „Charakterköpfe“ berühmt werden sollten. Diese Serie von Grimassen schneidenden Gesichtern wurden von Psychologen als Abwehrgesten gegen Messerschmidts eigene innere Wahngebilde gedeutet. Tatsächlich können Muskelanspannungen innere Empfindungen überdecken. Jeder Mensch hat das schon erfahren, wenn er Schmerzen oder Verletzungen ertragen musste. Dazu passt, dass Franz Xaver Messerschmidt seine Büsten nicht verkaufen wollte: Waren sie nur für den „therapeutischen Privatgebrauch“ bestimmt?
Im Jahr 1933 wurde Franz Xaver Messerschmidt vom Psychoanalytiker und Freud-Schüler Ernst Kris posthum zum geisteskranken Künstler erklärt. Heute würde seine Kunst somit unter die Outsider-Kunst fallen. Wegen der angeblich ausdrucksleeren Büsten stellte Kris die Diagnose „Schizophrenie“. Die grimassierenden Köpfe waren nach Meinung des Psychoanalytikers der reine Blick auf das Unbewusste des Künstlers. Damals glaubte man noch, dass bei Schizophrenen die chaotischen Inhalte des Unbewussten das geordnete Bewusstsein überschwemmen.